Montag, 27. Juni 2011, Srebrenica – Begegnung mit (Über)Lebenden und Toten

Gedenkfriedhof Potočari

Am Montag nahmen wir Abschied von Serbien. Früh am Morgen reisten wir mit dem Bus aus Belgrad in Richtung Bosnien und Herzegowina ab. Entlang der Grenze fuhren wir durch schöne Täler und konnten von serbischer Seite auf dem anderen Ufer der Drina schon das Nachbarland sehen. Wie verwöhnt wir mittlerweile in der EU beim Reisen in unsere Nachbarländer sind, merkten wir am Grenzübergang. Auf beiden Seiten mussten wir jeweils unsere Personaldokumente vorzeigen und lange auf deren Bearbeitung warten.

Auf bosnischer Seite wurden wir von unserem Fremdenführer Anaid Begovac empfangen, der uns auch an einigen der nächsten Tage begleiten wird. Zusammen fuhren wir nach Potočari, einem Vorort von Srebrenica. Dort wurden wir von einer Frau empfangen, die der Gruppe Mütter von Srebrenica angehört. In Ihrem Garten wurden wir bei schönem Wetter mit typisch bosnischem Essen wunderbar bewirtet.

Danach fuhren wir in das nicht weit entfernt liegende ehemalige Gebäude der niederländischen UN-Schutztruppen. Dieses, vor dem Bosnienkrieg als Fabrik genutzte, Gebäude diente als militärisches Lager der Blauhelmsoldaten, war Anfangspunkt des Massakers von Srebrenica und wird seit Ende des Krieges langsam in ein Gedächtnis- und Dokumentationszentrum umgebaut. In den Räumlichkeiten der einstigen Fabrik und des Lagers trafen wir zwei weitere Vertreterinnen der Organisation Vereinigung der Mütter der Enklaven Srebrenica und Žepa (http://srebrenickemajke.org/index.php/Srebrenica_Muetter_in_Srebrenica.html). Wir wurden von den beiden Frauen, wovon eine die Vizepräsidentin des Vereins war, sehr offen und freundschaftlich begrüßt. Insgesamt haben die Mütter von Srebrenica mehrere 1000 Mitglieder, jedoch ist nur ein kleiner Teil davon aktiv und empfängt zum Beispiel Besuchsgruppen. Dabei betonten beide Frauen, dass es ihnen ein großes Anliegen sei, bei solchen Anlässen ihre persönlichen Erlebnisse – alle haben während des Genozids viele ihrer Familienangehörigen und Bekannten verloren – zu schildern und die Erinnerung an den Völkermord aufrechtzuerhalten.

Da Srebrenica seit den Geschehnissen vor 16 Jahren zumeist nur mit dem Massaker in Zusammenhang gebracht wird, berichteten uns die zwei Frauen zuerst von ihrem Leben in der Gegend vor dem Jugoslawienkonflikt. Ostbosnien, die Gegend um Srebrenica, war als Kurort mit Heilquellen bekannt. Industriegebiete, wie die Fabriken in Potočari, sorgten für eine gute wirtschaftliche Situation. Diese beiden Faktoren führten dazu, dass in dem Gebiet viele Menschen arbeiteten. In Srebrenica wohnten circa 9000 Menschen. Im Gesamtbezirk lebten ungefähr 23000 Menschen, davon waren circa 70 Prozent MuslimInnen, 30 Prozent orthodoxe ChristInnen und wenige KatholikInnen. Wie beide Frauen erklärten, hätten die BewohnerInnen ethnischer und religiöser Zugehörigkeit keine Aufmerksamkeit geschenkt, bis 1992 in der Gegend der Krieg begann.

Ab 1992 isolierten und trennten sich die Bevölkerungsgruppen voneinander. Auf serbischer Seite wuchsen Bedrohungsgefühle und Ängste, die von den nationalistischen Parteien geschürt wurden. Die serbische Volksarmee als damals viertstärkste Armee Europas hatte die deutliche Übermacht. Es folgten Dorfzerstörungen sowie Plünderungen und Brandstiftungen muslimischer Häuser. Die Lage spitzte sich zu, da sich immer mehr BosniakerInnen in der Gegend sammelten. Flüchtlinge aus ganz Ostbosnien flohen in das Gebiet um Srebrenica, sodass bis zu 56000 Menschen auf kleiner Fläche lebten. Der Beschuss durch serbische Kräfte,  die spärliche Lebensmittel-, Trinkwasser- und Energieversorgung sowie der Medikamenten- und Platzmangel veranlasste General Philippe Morillon, Kommandant der UNPROFOR in Bosnien, den Schutz Srebrenicas durch die UNO zu erklären.

Im Nachgang wies der UN-Sicherheitsrat Srebrenica und Umgebung 1993 als Schutzzone aus. Zur Absicherung wurden kanadische und später niederländische Truppen in die Gegend gesandt. Sie erhielten eben jene Fabrik als Stützpunkt, in der sich heute das Gedenkzentrum befindet. Mit der Resolution, welche die Einrichtung der Schutzzone vorsah, wuchsen die Hoffnungen bei den BosniakerInnen, dass ein Ende der Angriffe in Sicht sei. Es wurde versucht, einen normalen Lebensalltag zu gestalten. Schulen wurden wieder geöffnet, Hilfspakete eingeflogen, UN-Flaggen gehisst – die BewohnerInnen vertrauten dem Schutzversprechen der stationierten Truppen.

Doch dieses Gefühl hielt nicht lange an. Im Jahr 1995 begannen verstärkte Angriffe der serbischen Seite. Viele BosniakerInnen flohen im Juli letztlich direkt in den UN-Stützpunkt in Potočari, was sie jedoch nicht vor den Angriffen bewahrte. Im Bezirk Srebrenica wurden Frauen, Kinder und alte Menschen abtransportiert. Die Männer und Jungen wurden ausgesondert, getötet und in Massengräbern vergraben. Die Meinungen über das Verhalten der niederländischen Blauhelme sind geteilt. Einerseits wird ihnen Beihilfe zum Kriegsverbrechen vorgeworfen, da sie ZeugInnen des Massakers gewesen seien. Andererseits beklagen die Soldaten, dass kein Mandat zum Eingreifen existierte, ihnen angeforderte Unterstützung verwehrt worden sei und sie keine Kenntnisse über die Massaker gehabt hätten.

Die Geschehnisse werden in den Gedanken der Hinterbliebenen bleiben. Sie wurden von ihren Familien getrennt, Tod, Vergewaltigung, Verstümmelung, Deportationen, Plünderungen und unkontrolliertes Wüten bleiben in ihren Erinnerungen bestehen. Die Unfassbarkeit über die circa 10000 Toten und weitere Vermisste sowie die Unvorstellbarkeit, dass alle Bosniaken getötet werden sollten, wirkt noch nach. Mit ihrem Verein möchten die Mütter von Srebrenica ihre Geschichte erzählen, nach Familienmitgliedern suchen, denn die Identifikation in den Massengräbern ist schwierig, und sie wollen die Verantwortlichen des Genozids zur Rechenschaft ziehen. Sie setzten sich für den Gedenkfriedhof ein, auf dem sie und Angehörige aus aller Welt jedes Jahr die neuen Identifizierten zu Grabe tragen und damit ein wenig Ruhe finden können – jedoch niemals ihre Lebensfreude wiedererlangen können, wie es unsere Referentin von den Müttern von Srebrenica beschrieb. Weiterhin wünschen sie sich ein würdiges Museum, dem jetzigen Gedächtniszentrum fehlt es noch an finanziellen Mitteln, wie wir selbst später in den noch spärlich ausgestatteten Räumen sehen konnten. Die Frauen, die wir an diesem Nachmittag trafen, beklagen jeweils bis zu 50 Todesopfer in ihrem Umfeld. Sie klagen an, dass der Völkermord vor den Augen der Welt stattgefunden habe. Ihnen bleibt die Hoffnung, dass die nächste Generation weniger belastet ist, glücklicher sein kann und nicht mit ihren Problemen zu kämpfen hat.

Schließlich besichtigten wir den von ihnen initiierten Gedenkfriedhof Potočari, der den Völkermord an den bosnischen Muslimen während des Bosnien-Krieges dokumentiert. Beim Laufen durch die Reihen der Grabsteine gingen uns noch die Berichte der Frauen sowie ein Film und Bilder aus dem Gedächtniszentrum nach. Die Grabsteine gehören zu den Männern und Jungen, von denen uns die Frauen erzählt und deren Habseligkeiten wir als Ausstellungsstücke mit Fotos ihrer Besitzer gesehen hatten. Hier liegen unter anderem die Menschen begraben, welche wir zuvor noch in einem Dokumentarfilm gesehen hatten. Sie hatten versuchten, über die Berge zu entkommen, wobei jedoch zwei Drittel der Männer ums Leben kaman.

In einer abschließenden Rundfahrt durch Srebrenica sahen wir aufgebaute Häuser und Straßenzüge. Trotz der Geschehnisse, dem Wegfall der Industrie- und Tourismusgebiete, kehren einige BosniakerInnen in ihre alte Heimat zurück, um sich hier wieder eine Existenz aufzubauen.

Zeit, um die Eindrücke dieses Tages langsam zu verarbeiten und die schöne bosnische Landschaft zu genießen, hatten wir dann auf der Fahrt nach Sarajevo. Die Ankunft in der Hauptstadt Bosnien und Herzegowinas verbrachte ein Teil unserer Reisegruppe noch abends im Cafe Bosna.

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Eine Antwort zu Montag, 27. Juni 2011, Srebrenica – Begegnung mit (Über)Lebenden und Toten

  1. Klaus Bachmann schreibt:

    kleine Korrektur, es gab nie eine serbische Volksarmee. 1992 war das die Yugoslavische Volksarmee (in der uebrigens Montenegriner ueberproportional vertreten waren), nach der Aufloesung Yugoslaviens wurde daraus die Serbische Armee (in Serbien) und die serbischen Soldaten traten dann den bosnisch-serbischen Territorialeinheiten bei, die meist als bosnisch-serbische Armee oder Armee der bosnischen Serben bezeichnet werden. Und die haben dann auch Srebrenica belagert.

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