Sonntag, 26. Juni 2011, Geschichte, Architektur und Politik in Belgrad

Nachdem am Samstag einige Teilnehmende die nähere Hotelumgebung oder gezielte Sehenswürdigkeiten und Plätze in Belgrad angesteuert hatten, brachte uns heute Vormittag Vladimir Dulović („Belgrad auf der Hand“) in einem historischen Stadtrundgang auf den Spuren der neueren Geschichte Belgrads näher.
Hier einige Eindrücke der Stadtführung durch das Belgrad des 20. Und 21. Jahrhunderts:

Am Abend trafen wir uns zum gmeinsamen Essen und Tischgespräch mit dem Journalisten Andrej Ivanji. In einem Vortrag brachte er uns die Historie des Jugoslawienkonflikts sowie eine Gegenwartsanalyse und Zukunftsaussicht für die Region aus seinem Blickwinkel näher. Mit Andrej Ivanji hatten wir einen erfahrenen Gesprächspartner, stammt er doch ursprünglich aus Belgrad, studierte später in Bonn Germanistik, verbrachte drei Jahre während des Jugoslawienkrieges in Wien und arbeitet nun seit 20 Jahren für deutschsprachige Zeitungen wie die Berliner taz, den österreichischen Standard und DIE ZEIT sowie für die serbische Wochenzeitung VREME.

Um uns die Ausgangslage vor dem Jugoslawienkonflikt zu verdeutlichen, ging Andrej Ivanji auf die Bedeutung Josep Broz Titos als Stabilisator der einstmals verbundenen Region ein. Nach Meinung Andrej Ivanjis werden Tito und sein Sozialismus zu oft von den Medien verspottet. Dem entgegen zeigte der Journalist die durchaus positiv zu bewertenden Entwicklungen in Titos Zeit auf. Der Marschall und Partisane Tito sei im Kampf gegen den Faschismus, im jugoslawischen Befreiungskampf und der sozialistischen Revolution und im Aufbau des sozialistischen Systems erfolgreich gewesen. Unter ihm hätte ein relativ freies System bestanden, sei das heutige Serbien ein weltoffenes und auch touristisches Land mit einem guten Bildungssystem und angemessenen Verdienstmöglichkeiten gewesen. Er wies ausdrücklich darauf hin, dass es 1980 nach Titos Tod und dem Zerfall Jugowslawiens nicht zu erahnen war, dass es zu einem Krieg kommen würde.

In den Provinzen führte die Wirtschaftskrise der 1980er Jahre zu erstarkenden nationalistischen Denkweisen. Problematisch sei es dann mit dem Auftreten Slobodan Miloševićs in der Politik geworden, der die Sorgen der Bevölkerung für sich und seine nationalistischen Ideen zu nutzen gewusst habe. Er habe die Beschwerden der SerbInnen gegenüber den Kosovo-AlbanerInnen im Kosovo gehört und diese mit seinen nationalen Ideen aufgegriffen. Er stellte die Unterdrückung der SerbInnen in Jugoslawien heraus und hat diese Meinung aktiv nach außen getragen. Die Situation wurde stets bedrohlicher und blieb bei einer militärischen Übermacht der serbischen Streitkräfte nicht lange friedlich. Orte des von 1991 bis 1995 währenden Krieges werden wir in den nächsten Tagen besuchen, so werden wir im damals drei Jahre lang belagerte Sarajevo wohnen und u.a. nach Srebrenica fahren, wo der Genozid – laut Internationalem Gerichtshof der erste Völkermord nach dem Zweiten Weltkrieg – an tausenden BosniakerInnen stattfand.

Die momentane Situation in der ehemaligen Konfliktregion beschreibt Ivanji sehr pessimistisch. Er skizziert die Staaten als funktionsunfähig, wirtschaftlich desaströs und mit hoher Arbeitslosigkeit belastet. Damit steht für ihn die heutige Lage in starkem Gegensatz zu der von ihm als relativ positiv bewerteten Zeit unter Tito bis Anfang der 1980er Jahre. Desweiteren kritisiert Ivanji die mangelnde Vergangenheitsbewältigung Serbiens. Staat und BürgerInnen seien zu wenig gewillt, sich den Verbrechen der Vergangenheit zu stellen und objektiv wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen.

Mit diesem geschichtlichen Abriss aus Sicht eines eines Publizisten und politischen Analysten erhielten wir am zweiten Tag unserer Reise einen weiteren Einblick in die Situation auf dem Balkan vor, während und nach den Jugoslawienkriegen. Im Gegensatz zu Wolfgang Klotz, der ebenfalls am Gespräch teilnahm, zeichnete Andrej Ivanji ein eher negatives, fast schon resigniertes Bild des derzeitigen gesellschaftlichen und politischen Zustandes seines Landes und dessen zukünftiger Entwicklung. Wir stellten fest, dass die Potentiale Serbiens und der gesamten Region unterschiedlich eingeschätzt werden, je nachdem, mit wem wir sprechen. Wir sind gespannt darauf, wie sich ab morgen unsere Gespräche in Bosnien und Herzegowina entwickeln werden.

Advertisements

Über weiterdenkenmitopenup

arbeitet für Weiterdenken - Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s