Samstag, 25. Juni 2011, Die Mitreisenden und Belgrad erstmals kennenlernen

­­Vorurteile bei Reisen in andere Länder können wie in unserem Fall schon auf der Anreise als vollkommen aus der Luft gegriffen entlarvt werden. Denn wir stellten fest, dass man auf dem Luftweg in sehr kurzer Zeit auf serbischem Serbien landen kann. Unsere 18-köpfige Reisegruppe, welche die nächste Woche zusammen auf dem Balkan verbringen wird, traf sich das erste Mal vormittags am Flughafen in München. Früh waren unsere Teilnehmenden aus Thüringen und Sachsen von den Flughäfen Leipzig und Dresden gestartet. Nach nur einer knappen Stunde – immer gen Osten über den Balaton und geradeaus nach Belgrad – landeten wir auf serbischen Boden. Serbien und Bosnien und Herzegowina sind vielleicht in den Köpfen weit von Deutschland entfernt, geographisch und reisetechnisch aber in keinem Fall. Dass man durchaus auch anders reisen kann, berichteten uns unsere zwei letzten Mitreisenden, welche wir in Belgrader Hotel trafen. Sie waren mit dem Zug angereist. Dieser Reiseweg nimmt zwar mehr Zeit in Anspruch, jedoch bietet er viele interessante Eindrücke in die Länder entlang der Zugstrecke und ist daher auch sehr zu empfehlen.

Im Hotel hatten wir dann die Gelegenheit uns über unsere persönlichen Hintergründe und Interessen sowie vor allem die Erwartungen an die Reise auszutauschen. Viele sind das erste Mal hier, interessieren sich aber seit längerem für die Region. Andere waren schon in einem oder in beiden Ländern und möchten weiteres über Kultur, Menschen, Traditionen, Geschichte, politische Situation und Vergangenheitsbewältigung wissen. Befürchtungen hegen einige vor der am Montag anstehenden Begegnung mit den Müttern von Srebrenica beziehungsweise mit der Gegend und den Geschehnissen an diesem Ort vor 16 Jahren an sich. Keinen Konsens konnten wir darin finden, ob die für Freitag geplante Rafting-Tour auf der Neretva eher schlaflose Nächte oder Nervenkitzel und wunderschöne Naturerlebnisse bieten wird. All das werden wir in den nächsten Tagen feststellen und dabei an unsere Bildungsreisenhausaufgabe denken. Denn jede/r soll ein (nicht geklautes) Erinnerungsstück von dieser Reise mitbringen und es am Ende der Reise vorstellen.

Am Abend hatten wir die Gelegenheit mit einem ersten Kenner der Region zu sprechen. Das Team des Regionalbüros Serbien/Montenegro/Kosovo der Heinrich-Böll-Stiftung. (http://www.boell.rs/web/117.html) hatte für uns den idyllischen Hinterhof eines Projektpartners organisieren können, wo wir mit Wolfgang Klotz ins Gespräch kamen. Er ist Leiter des Büros mit Sitz in Belgrad, wo Wolfgang Klotz seit zwei Jahren zusammen mit serbischen MitarbeiterInnen arbeitet. Themenfelder der HBS Belgrad sind beispielweise Zeitgeschichte und Geschlechterdemokratie. Dauerhafte Aufgabe ist die Beobachtung der politischen Szene und die Vergangenheitsbewältigung. In Serbien gibt es nicht wie in Deutschland eine entsprechende Partei, nach deren Grundwerten sich die politische Stiftung richten könnte, jedoch ist eine solche gerade am Entstehen. Diese Entwicklung wird von der Heinrich-Böll-Stiftung aufmerksam verfolgt. Im gemeinsamen Gespräch ließ uns Wolfgang Klotz Teil an seinem umfassenden Wissen über Serbien und seine Nachbarländer teilhaben. Die Konflikte in den Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens waren unter anderem ein Thema. Einen besonderen Schwerpunkt seines Vortrags legte er auf die EU-Orientierung des Landes. Zuerst machte er uns mit der Haltung von Regierung und Parlament zur EU bekannt. Es stehen sich ein proeuropäisches und ein antieuropäisches und zugleich rassistisches Lager gegenüber. Bezüglich des EU-Beitritts Serbiens und der anderen ehemaligen Länder Jugoslawiens befürwortet Wolfgang Klotz das sogenannte Karawanenprinzip. Bei diesem treten im Gegensatz zum Regattaprinzip alle Länder gemeinsam der EU bei und nicht nacheinander. Dies soll den Vorteil haben, dass zum Einen kein Land gegen ein anderes votieren und somit den früheren Beitritt für nationale Bestrebungen ausnutzen kann und zum Anderen jedes Land ein Interesse an der Entwicklung des anderen habe, um den nur gemeinsam möglichen EU-Beitritt zu befördern. Auf Nachfrage berichtete Wolfgang Klotz unter anderem von der ökonomischen Situation des Landes. Wirtschaftlich gesehen ist Serbien abhängig von den Geldern der EU sowie des Internationalen Währungsfonds. Dies ist nicht verwunderlich, nachdem uns die enorme Dimension der hohen Arbeitslosigkeit und der „grauen“ Ökonomie vor Augen geführt wurden.

Im Anschluss ließen wir den Abend gemeinsam mit Wolfgang Klotz und einem Großteil unserer Mitreisenden beim Abendessen ausklingen. Die reichhaltigen, köstlichen Mahlzeiten dieses Abends sollen auf unserer Reise nicht die letzten dieser Art gewesen sein.

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